In den Wartezimmern der Zahnarztpraxen informiert seit heute eine
Vielzahl von Flyern und Postern die Patienten über Brisanz und
Hintergründe dieser Verträge: Zahnersatz zum Nulltarif aus
Billiglohnländern, Preisdumping, Einschränkung der freien Arztwahl,
gezielte Steuerung von Patienten. Die Kampagne findet breite
Zustimmung. Zahlreiche Kassenzahnärztliche Vereinigungen, Verbände,
regionale Initiativen und Innungen unterstützen diese Aktion bzw. haben
sich bereits angeschlossen.
„Nulltarifangebote werden von
einigen Kassen im Zusammenspiel mit Handels- und
Managementgesellschaften aggressiv beworben, um Kunden zu gewinnen“,
erklärt DZV-Vorsitzender Martin Hendges. „Es wird höchste Zeit, die
Hintergründe aufzudecken. Solche Selektivverträge sind schleichendes
Gift für unser Gesundheitssystem“. Obwohl erst einige hundert von
insgesamt 55.000 praktizierenden Zahnärzten unterzeichnet haben, ist
für den DZV das Maß voll. Nach Vorträgen quer durch die Republik,
Gesprächen mit Versicherern und Politikern und zahlreichen juristischen
Maßnahmen stößt die selbstbewusste Kampagne jetzt branchenweit auf hohe
Zustimmung. „Wir haben eine Lawine losgetreten“, freut sich Dr. Torsten
Sorg, Zahnarzt und Vorstandsmitglied im DZV.
Selektivverträge
verpflichten Zahnärzte u.a., ihren Patienten Nulltarif-Zahnersatz aus
Billiglohnländern in Fernost anzubieten. Die Organisation läuft über
Managementgesellschaften, die den Gesundheitsmarkt als Geschäftsfeld
entdeckt haben und zu seinen großen Profiteuren gehören. Der DZV
befürchtet gravierende Folgen für die zahnmedizinische Versorgung der
Patienten: „Unsere Patienten werden massiv verunsichert und nicht
neutral über die Inhalte solcher Selektivverträge informiert. Vielmehr
wirbt man mit vordergründigen und plakativen Versprechen wie Nulltarif,
Dumpingpreisen für Professionelle Zahnreinigung und
Implantatversorgungen, ohne die Bedingungen und Pflichten für Patienten
klar zu benennen. So wird das so enorm wichtige
Arzt-Patienten-Verhältnis erheblich belastet, weil Patienten für
gewisse Leistungen in andere Praxen gelotst werden. „Bezüglich der
weltweit anerkannten Qualität von Zahnersatz aus Deutschland wird auch
vollkommen vergessen, dass ein wesentlicher Garant dafür die intensive
Zusammenarbeit vom Zahnarzt und dem Zahntechniker vor Ort ist“, weiß
Hendges, der selbst eine Praxis betreibt. „Das geht nicht mit einem
anonymen Labor in China.“ Auch die Zahntechniker-Innungen schlagen
Alarm: Es sei skandalös, dass Krankenkassen wie die DAK für Jobs in
China oder anderen Billiglohnländern sorgten und Management- und
Handelsgesellschaften dort ihre Gewinne generierten, während hoch
qualifizierte Arbeitsplätze im deutschen Handwerk gefährdet würden.
Einschneidend
sind die Konsequenzen aber auch für Patienten. Mit der Unterschrift auf
der Teilnahmeerklärung zum Nulltarifangebot, das übrigens nur für die
Regelversorgung und nur bei Nachweis von lückenloser 10-jähriger
Vorsorgeuntersuchung gilt, verzichtet der Patient auf das Recht, den
Zahnarzt seines Vertrauens frei zu wählen. Er muss sich bei einem
„Selektivzahnarzt“ des Versicherers behandeln lassen – ein Verfahren,
das in weiten Kreisen der Branche als „Patientensteuerung“ geächtet
wird. Sollte der Patient sich übrigens statt für Auslandszahnersatz für
eine andere Versorgung bzw. ein anderes Zahntechniklabor entscheiden
(Therapiefreiheit), muss sein „vertragswidriges“ Verhalten vom Zahnarzt
an die Managementgesellschaft gemeldet werden. „Therapiefreiheit,
freie Arztwahl und freie Entscheidung, welches Labor den Zahnersatz
herstellen soll, werden geopfert“, stellt Hendges fest. „Hier müssten
auch bei der Regierung die Alarmglocken schrillen.“ Wird doch im
schwarz-gelben Koalitionsvertrag die freie Arztwahl als Ausdruck eines
freiheitlichen Gesundheitswesens und Basis für das notwendige
Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient gewürdigt.
Für
die Kollegen in Weiß führten fremdgesteuerte Selektivverträge in die
Domestizierung und zum Verlust der Solidarität, sind die Initiatoren
der Kampagne überzeugt. Sie analysierten Verträge zwischen Kassen und
Managementgesellschaften und stellten fest: Stand anfangs noch die
Vermittlung von Auslandszahnersatz im Vordergrund, folgte schon bald
die Behandlung zu vorgeschriebenen Niedrigpreisen – ungeachtet der
individuellen Gesundheitssituation des Patienten. „Exzessives
Preisdumping führt unsere hochwertige Zahnmedizin ad absurdum und zieht
Kollegen in einen ruinösen Unterbietungswettbewerb“, konstatiert Martin
Hendges. „Die Patientenbeschaffung auf Kosten von Kollegen ist schlicht
unmoralisch.“
So kämpferisch die DZV-Kampagne gegen
Selektivverträge vorgeht, so konstruktiv sind ihre Perspektiven. „Unser
Ziel ist eine hundertprozentig qualitätvolle Behandlung, im
Zusammenspiel mit den Zahntechnikern und ohne Einmischung von
Krankenkassen und fachfremden Handels- bzw. Managementgesellschaften.
Echtes Vertrauen zwischen Arzt und Patienten und traditionelle
Solidarität in der Zahnärzteschaft sind uns ebenso wichtig wie mutiges
Engagement gegenüber falschen Entwicklungen.“
Quelle: DZV