Bei der diesjährigen INTERNA der DGÄZ Ende September in
Westerburg ging es in eindrucksvollen Vorträgen von Mitgliedern für Mitglieder
um praxistaugliche Kollegentipps rund um Ästhetik und Funktion sowohl aus Sicht
der Zahnmedizin als auch der Zahntechnik. "Dieses Lernen voneinander aus
den verschiedenen Bereichen ist einer der größten Schätze, die die DGÄZ für die
Fortentwicklung der Zahnmedizin einbringt", sagt Prof. Dr. mult. Robert
Sader, Präsident der DGÄZ, "denn auch wenn eine nachhaltig
funktionsstabile Ästhetik Vision und detaillierte Planung braucht: Spätestens
beim zweiten Aspekt kann man gar nicht genug von engagierten Kollegen lernen.
Bei der INTERNA bringen sich unsere Mitglieder mit viel Verve ein und tauschen
Erfahrungen aus der eigenen Praxis und dem Labor aus - und wir sind jedes Jahr
wieder neu beeindruckt, wieviel wissenschaftliches Denken in den Vorträgen zu
spüren ist."
Prothetik am "sch" orientieren
Zu den eindrucksvollsten Präsentationen 2009 gehörte eine
Studie von ZTM Jürg Stuck zum Thema "Sprache und Zahnersatz". Anhand
einer Videoaufzeichnung zeigte er in Zeitlupe, wie Patienten sprechen, wie sie
dabei Unter- und Oberkiefer positionieren, welche Muskeln tätig werden, und wieviel
Individualität hinter einem F oder einem S steckt. Ziel seines Vortrages war
die Sensibilisierung des Auditoriums für natürlich gestaltete Prothetik, die
die Sprachpersönlichkeit berücksichtigt. "Sprache ist so individuell, dass
es schwer ist, die Patienten in Evidenzgruppen einzuteilen", sagte Stuck,
der auch auf die bisher eher dünne wissenschaftliche Datenlage zu Phonetik und
Zahnersatz hinwies. Kronen und Brücken müssten nicht nur hinsichtlich der
Okklusion passgenau gestaltet werden, sondern auch hinsichtlich der durch die
individuelle Sprache bedingten Bewegungsspielräume der Zähne: "Sprache
kann man sehen!" Wenn sich der Unterkiefer - wie in Videopräsentationen
eindrucksvoll ersichtlich - beim Sprechen seitlich verschiebt, müsse diese
Bewegung bei der Prothetikplanung berücksichtigt werden. "Es ist nicht
Aufgabe der Logopäden, Sprachprobleme nach Prothetik zu korrigieren, sondern
unsere Aufgabe, sie zu vermeiden." Er empfahl vor der Herstellung der
endgültigen Versorgung ein Mock up als Test, um das Sprachmuster des Patienten
in seiner Auswirkung auf die Zähne und deren Abnutzung zu prüfen. "Fertig
sind wir erst dann, wenn die Sprache rund läuft und "sch"-Laute nicht
mehr anstoßen." Es sei nicht genug, bei notwendiger Vertikalisation die
Situation mit einer Schiene zu testen: "So erkennen Sie die Sprache des
Patienten ja nicht." Ob ein Zahnersatz in Funktion erfolgreich ist oder
nicht, sei nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Derart gestaltete
Prothetik sei auch ästhetisch ein Gewinn, weil keine Verfremdung, sondern in
Harmonie mit der natürlichen Individualität des Patienten gestaltete
Rekonstruktion und daher beste Ästhetik.
Totalprothesen erfordern große Verantwortung
Bei Patienten mit Totalprothetik stehe der Behandler vor
einer großen Herausforderung und auch Verantwortung seinem Patienten gegenüber,
sagte Zahnarzt Jan Strüder (Spezialist DGÄZ & EDA), der mit seinem Vortrag
ein weiteres Highlight unter den insgesamt 13 spannenden Referaten der INTERNA
lieferte. Er verwies auf die häufig begleitenden psychischen Belastungen, die
mit der Zeit zu somatischen Folgen würden und bei der Versorgung berücksichtigt
werden müssten. Ein wichtiges psychologisches Moment der Totalprothetik müssten
Behandler und Patient gleichermaßen bewusst wahrnehmen: "Totalprothetik
ist keine Endlösung, sondern ein Neubeginn." In der Regel legten diese
Patienten den mit Abstand größten Wert auf die Funktion, eine "schöne
Lösung" werde erst nachrangig erwartet. Um die Seele des Patienten auf dem
Weg zu einem Zahnersatz, der ihn viele Lebensjahre lang begleiten wird, in die
Planung zu integrieren, sei es wichtig, vorab zu erkunden, was den Patienten an
der Totalprothetik am meisten störe. Dabei müsse sich jeder Behandler auch die
Frage stellen, ob die als prioritäre Versorgung angedachte Lösung mit dem
allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten kompatibel ist, mit dem Zeitbedarf
für die Therapie, mit den finanziellen Möglichkeiten und der zu erwartenden
Compliance des Patienten. Bei einer so aufwändigen und grundsätzlichen Aufgabe wie
einer Totalprothese empfehle er unbedingt eine "therapeutische
Prothese" statt gleich einer endgültigen Lösung. Strüder: "Der
Patient hatte vielleicht jahrelang eine insuffziente Prothese, die Bisshöhen
haben sich verändert und damit auch die gesamte Muskulatur in der
Mundregion." Die Aufstellung der Prothetik nach phonetischen
Gesichtspunkten sei auch für ihn ein neuer, aber spannender Aspekt,
möglicherweise sei aus phonetischer Sicht eine Angle Klasse II manchmal sogar
sinnvoller als das Erreichen einer Angle Klasse I.
Handlanger von Politik und Marketing
Einen fast schon kulturpolitischen Beitrag, der die
verschiedenen Vorträge perfekt einrahmte, lieferte Prof. Sader selbst unter der
Überschrift "Konsumdenken im Gesundheitswesen - Auswirkungen auf die
Ästhetische Medizin". Er verwies auf die neuen bildgebenden Verfahren in
3D, die eine große Chance für die Zahnmedizin in der Kommunikation mit den
Patienten bieten: "Schon in der Urgeschichte kommunizierte man über das Bild."
Das Konsumverhalten werde zu 90 % über die Augen gesteuert und Augen seien zu
täuschen. In der Regel seien die Bilder in der Werbung geschönt, das Verlagen,
solchen Menschen ähnlich zu werden, daher illusorisch. Die ständige Präsenz
unerreichbarer Attraktivität habe ein Anspruchsveralten an die Ästhetische
Medizin geweckt, das an das Kaufverhalten eines Autos erinnere. Es werde immer
schwerer für die Ärzte, die Erwartungen auf ein realistisches Maß zu dämpfen.
Es sei allerdings damit zu rechnen, dass der Wunsch der Menschen nach Vitalität
und Gesundheit weiter wachse: "Zu Ihnen kommt nicht mehr der Patient,
sondern der Kunde, der sein persönliches Wohlbefinden kauft." Gepuscht
werde diese Position durch Unternehmen, die über den Patienten Druck auf die
Praxis ausübten, auf der Gegenseite wachse der Druck der Kassen und
Versicherungen, die Ausgaben für die zahnärztliche Versorgung weiter
herunterzufahren: "Dies alles bedroht unsere Freiberuflichkeit - wir müssen
immens aufpassen, dass wir nicht zu Handlangern von Politik und Marketing
werden!" Visionäre Computertechnologie werde es demnächst ermöglichen,
eine Art "Face-Generator" als Patientenkommunikationsmittel zu
nutzen: "Unsere Aufgabe ist die Rekonstrukion der persönlichen Identität
unseres Patienten - wir können ihm mit dem gewichtigen Medium Bild zeigen, wie
sich seine Situation weiter entwickeln wird." Goethe habe den
Ästhetik-Zahnärzten geradezu ein Credo übermittelt: "Ihr sollt die
Menschen lieben, wie sie sind, und nicht, wie ihr sie haben wollt."
Quelle: www.dgaez.de