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04.06.07
Arzneimittel und Internet
Ungefähr sieben Prozent der Deutschen nutzen bereits Internetapotheken, die Tendenz ist steigend.
Der scheinbar günstige und bequeme Kauf per Mausklick birgt allerdings Risiken: Im Internet tauchen immer wieder gefälschte Medikamente auf, die keinen oder einen anderen Wirkstoff beinhalten, und viele Anbieter fallen durch mangelhaften Service und mangelnde Kompetenz auf. Zudem werden Medikamente über das Internet meist zur Selbstmedikation gekauft, da auf diesem Wege zumindest innerhalb der EU nur rezeptfreie Mittel gehandelt werden dürfen. Und die Selbstmedikation ist aus ärztlicher Sicht bedenklich. Dr. Dr. Frank Halling stellt in diesem Beitrag Vor- und Nachteile des Online-Einkaufs dar.

Seit dem Inkrafttreten der letzten Gesundheitsreform zum Jahresbeginn 2004 werden die Kosten für zahlreiche nicht rezeptpflichtige Arzneimittel nicht mehr von den Krankenkassen übernommen. Gleichzeitig wurde durch die Einführung der Praxisgebühr die psychologische und finanzielle Hürde für einen Arztbesuch, besonders bei leichteren Erkrankungen, wesentlich höher. Diese beiden Faktoren führten im Wesentlichen dazu, dass die klassische Kopplung zwischen Arzneiverordnung und Abholung des Medikamentes in der Apotheke zumindest im Bereich der nicht verschreibungspflichtigen Medikamente durch andere Informations-, Entscheidungs- und Vertriebswege beeinflusst wird. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung des Mediums Internet in unserer Gesellschaft immer mehr zu.
Seit Januar 2004 ist es in Deutschland rechtlich zulässig, Arzneimittel „per Mausklick“ aus dem Internet zu beziehen. Deutsche und EU-Versandapotheken dürfen an Patienten in Deutschland nur hier verkehrsfähige Arzneimittel versenden. Dafür müssen die Apotheken strenge Sicherheitskriterien erfüllen. Die ärztliche Verordnung von Arzneimitteln über das Internet ist in Deutschland nicht erlaubt. Im  Zusammenhang mit dem elektronischen Handel von Arzneimitteln spielt der Trend zur Selbstmedikation eine führende Rolle.
Es ist davon auszugehen, dass Ärzte und Zahnärzte in Zukunft verstärkt mit der Tatsache konfrontiert werden, dass Patienten nach der Möglichkeit des Online-Kaufes von Arzneimitteln fragen oder bereits ohne Wissen oder Verordnung eines Arztes Medikamente im Internet einkaufen. Vor diesem Hintergrund ist es bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte als problematisch anzusehen, dass darauf nur Medikamente gespeichert werden, die zuvor ärztlich verordnet wurden. Um selbstständig im Internet gekaufte Medikamente auf die Karte zu speichern, müsste der Patient künftig Krankheitsdaten, Verschreibungen usw. selbstständig löschen können und dürfen, was aber wiederum die zielgerichtete Behandlung durch den Arzt erheblich einschränken würde. Eine „geschönte“ oder unvollständige Patientenakte nutzt dem Arzt nichts und ist unter Umständen sogar gefährlich.

Internet als Informationsquelle über Arzneimittel

Den „internet facts 2006-II“1 zufolge hat das Internet in Deutschland eine Reichweite von inzwischen rund 37,2 Mio. Menschen, d. h. 57,2 % der deutschen Wohnbevölkerung über 14 Jahre sind innerhalb der letzten 12 Monate online gegangen.
Das Internet wird als Informationsmedium über Arzneimittel immer wichtiger. Die Forschungsgruppe Wahlen hat im Rahmen einer Befragung 2004 festgestellt, dass zwar auch heute noch die Apotheke die wichtigste Informationsquelle (77 %) über rezeptfreie Arzneimittel neben der Familie und dem Freundeskreis (59 %) darstellt, dass aber der Internetauftritt des Herstellers und entsprechende Internetforen für insgesamt 41 Prozent der Befragten wichtige Informationen über Arzneimittel bieten. Bei der Beschaffung von Informationen im Internet sind in diesem Zusammenhang vor allem die Themen „allgemeine Behandlungsmöglichkeiten“ (75 %) sowie „Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Arzneimitteln“ (75 %) und „Nebenwirkungen“ (73 %) von Interesse. Hieraus lässt sich ablesen, dass die klassischen Informationsquellen als nicht ausreichend oder verständlich genug angesehen werden. Es besteht also weiterer Informationsbedarf.

Was ist unter Selbstmedikation zu verstehen?

Selbstmedikation umfasst alle Maßnahmen, die ohne Einschaltung eines Arztes ergriffen werden, um bei einer Störung des Befindens das Wohlbefinden wiederherzustellen oder um einer Befindlichkeitsstörung vorzubeugen. Bei einer Selbstmedikation werden also rezeptfreie Medikamente privat gekauft, ohne dass dafür die Leistungen der sozialen Krankenversicherung in Anspruch genommen werden. Die Wiederverwendung vom Arzt verschriebener rezeptpflichtiger Medikamente fällt nicht in den Bereich der Selbstmedikation. Selbstmedikation bedeutet auch, dass Patienten auf eigene Verantwortung nicht verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen. Eine Hilfestellung, vorrangig durch den Apotheker, ist dabei unerlässlich; selbstverständlich können auch Ärzte Informationen über nicht rezeptpflichtige Arzneimittel geben.
Eine aktuelle Umfrage des Kölner Marktforschungsinstitutes Psychonomics unter rund 1.500 Bundesbürgern fand heraus, dass 61 Prozent der Befragten sich, wenn möglich, selbst mit rezeptfreien Medikamenten helfen. 64 Prozent gehen bei leichten Beschwerden direkt in die Apotheke und verzichten auf den Gang zum Arzt.
Der laut Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen am häufigsten (82 %) genannte Grund für die Selbstmedikation ist der Wunsch, sich selbst ohne ärztlichen Rat behandeln zu wollen. Auch dass die rezeptfreien Medikamente von den gesetzlichen Krankenkassen kaum noch bezahlt werden, ist für 50 Prozent der Befragten ein Motiv. Immerhin 13 Prozent berichten über ein mangelndes Vertrauen in die Ärzteschaft.
Doch selbst wenn schließlich der Arzt aufgesucht wird, erfährt der Mediziner nicht immer von allen Medikamenten, die der Patient einnimmt. So hat eine kleine Studie der Universität Heidelberg an Krankenhauspatienten ergeben, dass mindestens jeder Fünfte Medikamente eingenommen hatte, von denen der Arzt nichts wusste. Bei 20 Prozent wurden in Urinproben Medikamente nachgewiesen, die in der Krankenakte nicht vermerkt waren. Die Patienten hatten sehr wahrscheinlich Medikamente während des Krankenhausaufenthaltes eingenommen.
Zwei Drittel der durch die Forschungsgruppe Wahlen Befragten halten bei der Behandlung von Schmerzen und 50 Prozent bei der Therapie von Magen-Darmerkrankungen eine Selbstmedikation für sinnvoll5. Der Anteil der Selbstmedikation am Gesamtumsatz der Apotheken steigt seit dem Jahr 2000 langsam an und lag 2004 bei etwa 15 Prozent (5 Milliarden Euro) des Gesamtumsatzes. Aktuell gibt jeder zweite GKV-Versicherte (50,1 %) an, binnen Quartalsfrist Arzneimittel selbst gekauft zu haben.
Dieser Trend spiegelt sich auch darin wider, dass neun von zehn Präparaten der „Top Ten“ in der Verkaufsrangliste der Arzneimittel rezeptfrei erhältlich sind. Aber gerade die Selbstmedikation ist neben den möglichen Wechselwirkungen und der Vielfalt der Medikamente nach einer Umfrage bei 200 deutschen Ärzten eine der wichtigsten Ursachen einer problematischen Arzneimittelsicherheit.
In der Publikation von Gysling wird deutlich auf die Gefahren der Selbstmedikation hingewiesen. Er konkretisiert diese Kritik in sechs Punkten. Nach Meinung des Autors sind die Informationen im Bereich der Selbstmedikation noch stark defizitär. Lediglich vorübergehende Gesundheitsstörungen sollten durch eine Selbstmedikation behandelt werden. Eine langfristige unkontrollierte Einnahme berge jedoch erhebliche Risiken.

Internetapotheke

Die „Internetapotheke“ ist eine Apotheke oder ein Apothekenportal, die den Versandhandel mit dem elektronischen Handel (E-Commerce) mit Arzneimitteln verbindet. Zurzeit geht man in Deutschland von einem Umsatz von ca. 500 Mio. €, d. h. 2 Prozent des GKV-Marktes in Deutschland, aus. Nutzten im III. Quartal 2005 erst 4 Prozent aller Deutschen über 18 Jahre das Internet, um online rezeptfreie Medikamente zu kaufen, waren es im IV. Quartal 2006 bereits 7 Prozent. Bezogen auf die Gruppe der Internetnutzer sind dies 11 % (plus fünf Prozentpunkte).
Über die Zahl der Nachahmerprodukte oder Fälschungen beim Arzneiversand im Internet gibt es nur Schätzungen. Die EU Kommission warnte erst kürzlich vor gefälschten Medikamenten im Internet. So seien in den letzten fünf Jahren 170 gefälschte Medikamente im Internet über illegale Vertriebskanäle angeboten worden. Unter den Fälschungen befanden sich Produkte, die keinen oder den falschen Wirkstoff enthielten.
Nach einem Grundsatzurteil des Europäischen Gerichtshofes vom 11. Dez. 2003 (Rechtssache C 322/01) dürfen die Mitgliedsstaaten den Versand- und elektronischen Handel mit Arzneimitteln nicht grundsätzlich verbieten. Der Versandhandel und elektronische Handel mit apothekenpflichtigen Arzneimitteln wurde ermöglicht durch die Artikel 20 bis 23 des GKV-Modernisierungsgesetzes (Gesetz vom 14. Nov. 2003, BGBl. I S. 2190).
Als Gründe für die Bestellung von Arzneimitteln im Internet werden in erster Linie der Preis (83 %) und die direkte Lieferung nach Hause (67 %) angegeben. Danach folgt schon der Grund, dass man im Ausland via Internet auch rezeptpflichtige Arzneimittel bestellen kann, ohne ein Rezept vorlegen zu müssen (26 %), sowie dort auch in Deutschland nicht zugelassene Medikamente bestellen kann (25 %).
Über die Risiken von Internetapotheken informierten bisher sehr umfassend zwei Studien der Stiftung Warentest, deren Titel schon sehr vielsagend waren (9/2000: Russisch Roulette mit @rzneien; 3/2005: Auwwweh!). Im Test vom März 2005, der bei 20 Apotheken bzw. Apothekenportalen (15 deutsche, drei holländische, eine tschechische und eine schweizerische) durchgeführt wurde, schnitt immerhin fast die Hälfte mit dem Qualitätsurteil „gut“ ab. Auf der anderen Seite wurden zehn getestete Internetapotheken mit „mangelhaft“ bewertet, insgesamt ein katastrophales Ergebnis. Die „Mängelliste“ der Internetanbieter ergab folgendes Bild:
  • Kein einziger Anbieter lieferte lückenlose Informationen zu Neben- und Wechselwirkungen.
  • Patienten mussten gelegentlich viele Tage bis Wochen auf ihre Tabletten warten (max. 3 Wochen).
  • Bestellungen wurden „vergessen“.
  • Es gab nur wenige Versender, die mit der Aufschrift „Nicht an Kinder ausliefern“ arbeiteten. Oft wurde das Päckchen beim Nachbarn abgegeben oder sogar vor der Tür abgestellt.
  • Bei weitem nicht alle Versender verkauften zu Niedrigpreisen.
  • Es fehlten wichtige Hinweise, z. B. dass Johanniskraut die Wirksamkeit der Pille beeinträchtigen kann!
Das Fazit der Stiftung Warentest: Der Online-Kauf von Arzneimitteln lohnt sich nur bei teuren, nicht rezeptpflichtigen Medikamenten! Verschreibungspflichtige Medikamente sind im Netz genauso teuer wie in der Ladenapotheke, bei einigen Anbietern zahlt man wegen der Versandkosten sogar höhere Preise. Bei preiswerten frei verkäuflichen Medikamenten ist die Ersparnis in der Internetapotheke minimal. Bei niedrigem Bestellwert ist der Gesamtpreis sogar oft höher als in der örtlichen Apotheke.
Woran erkennt man eine seriöse deutsche Internetapotheke? Hier gilt es besonders auf das Impressum im Internet zu achten. Dies sollte den Namen des Inhabers, den Apothekennamen, die zuständige Aufsichtsbehörde und die zuständige Apothekerkammer enthalten. Fehlen ein oder mehrere dieser Angaben, was bei ausländischen Anbietern häufig der Fall ist, ist Vorsicht geboten.
Um die Verträglichkeit und Echtheit eines im Internet bestellten Medikamentes zu prüfen, sollte nach Cavelty besonders auf folgende Aspekte geachtet werden:
  • Bin ich über Risiken und Nebenwirkungen des Präparates genügend aufgeklärt?
  • Wird das Medikament in der Originalverpackung und mit einer Packungsbeilage (in einer Sprache, die ich verstehe) geliefert?
  • Ist das Verfallsdatum auf der Packung in Ordnung?
  • Kaufe ich bei einem seriösen und bekannten Anbieter ein? Ist es nur ein Versandhändler mit einem Warenlager oder besitzt er auch Ladenketten? Sind Adresse, Kontaktpersonen etc. auf der Homepage vermerkt?
  • Bin ich sicher, dass mein Präparat nicht gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt?
  • Bin ich mir bewusst, dass es bei Komplikationen, Fälschungen etc. schwierig sein wird, meine Ansprüche im Ausland geltend machen zu können?


Fazit

Das Internet gewinnt eine immer größere Bedeutung bei der Information über Medikamente und deren Wirkungen. Gleichzeitig wird durch politische Entscheidungen die Selbstmedikation des Patienten gefördert. Allerdings sollte sie nach Meinung der Experten nur bei der Behandlung geringfügiger Krankheiten eingesetzt werden. Eine zunehmende Anzahl von Internetnutzern erwirbt über dieses Medium rezeptfreie Medikamente. Ein noch ungelöstes Problem sind Medikamentenfälschungen, die keinen oder den falschen Wirkstoff enthalten. Zahnärzte sollten sich mit den Themen Selbstmedikation und Internetapotheke verstärkt auseinandersetzen, da sie im Gesundheitsbereich in Zukunft noch erheblich an Bedeutung gewinnen werden.

Die Literaturliste zu diesem Artikel kann hier abgerufen werden.
Dieser Artikel erschien mit anschaulichen Grafiken in der ZMK 4/07.


Korrespondenzadresse:
Dr. Dr. Frank Halling
MKG-Praxis
im Gesundheitszentrum Fulda
Gerloser Weg 23a
36039 Fulda

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