Früher wurde postuliert, dass vor allem bei infizierten Wurzelkanälen eine endodontische Behandlung in mindestens zwei Sitzungen durchzuführen ist, um durch die Anwendung intrakanalärer Medikamente eine zusätzliche Keimreduktion zu ermöglichen.
Heute ist wissenschaftlich belegt, dass die Heilungsaussichten bei ein- und zweizeitiger Wurzelkanalbehandlung vergleichbar sind. Jedoch weisen Patienten nach einzeitiger Behandlung ein geringfügig höheres Risiko für das Auftreten postoperativer Beschwerden auf. Ein Anhaltspunkt für die Festlegung des optimalen Zeitpunktes für die Obturation kann daher in Abhängigkeit vom mikrobiellen Ausgangsbefund der Pulpa gegeben werden.
Vitale Pulpa
Bei einer irreversibel entzündeten Pulpa befinden sich keine Bakterien in den tieferen Gewebeschichten oder dem Kanalwanddentin. Die klinischen Beschwerden resultieren primär aus der Entzündung der Pulpa und klingen nach der Entfernung des Pulpagewebes umgehend ab. Wenn der Zeitrahmen es zulässt, sollte die Wurzelkanalfüllung deshalb in derselben Sitzung durchgeführt werden. Dies hat den Vorteil, dass Applikation und Entfernung der medikamentösen Einlage entfallen und eine Infektion des sterilen Kanalsystems aufgrund einer undichten temporären Restauration vermieden wird.
Nekrotische Pulpa
Im Fall einer Pulpanekrose muss von einer bakteriellen Besiedelung des endodontischen Hohlraumsystems und des angrenzenden Wanddentins ausgegangen werden. Die Wurzelkanalbehandlung ist in einer Sitzung möglich, es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass hierbei auf eine zusätzliche Desinfektion des Dentins mit Kalziumhydroxid verzichtet wird. Klinische Beschwerden, das Vorliegen einer apikalen Radioluzenz oder die Existenz eines Fistelgangs schließen die Wurzelkanalfüllung in derselben Sitzung nicht aus.
Revisionsbehandlungen
Aufgrund des erhöhten Zeitaufwandes für eine Revision ist eine einzeitige Behandlung häufig nicht möglich. Besonders komplexe Fälle, wie z. B. die Entfernung frakturierter Instrumente oder die Versorgung von Perforationen, müssen aufgrund des erhöhten Zeitbedarfs in der Regel in zwei oder mehr Sitzungen durchgeführt werden. Da Revisionsbehandlungen mit dem erhöhten Risiko eines Flare-ups assoziiert sind, wird die zweizeitige Behandlung empfohlen.
Apikaler Abszess
In diesem Fall ist die mikrobielle Besiedelung nicht auf das Wurzelkanalsystem beschränkt, sondern schließt das periradikuläre Gewebe mit ein. Die Wurzelkanalfüllung darf nur dann durchgeführt werden, wenn der Patient beschwerdefrei ist und der Kanal vollständig getrocknet werden kann.
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Grundlagen der modernen Endodontie“.
Auszug aus: Tina Rödig u.a., Grundlagen der modernen Endodontie