Einleitung
von Bodo Wettingfeld, Arnsberg
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"Was ist das Schwerste von allem, das was uns am leichtesten dünkt. Mit den Augen zu sehen, was vor den Augen liegt." Goethe
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Ein Ausspruch von Goethe mit Gültigkeit auf allen Ebenen unseres Daseins. Bei
der Realisierung haben wir Zahnärzte aber schon Probleme, wenn wir nur unser
umschriebenes, schulmedizinisch gelehrtes Therapieareal betrachten, die
Mundhöhle.
"Man sieht nur, was man weiß", sagte einer meiner Professoren während des
Studiums und ich möchte weiter ergänzen, so sollten wir daran arbeiten möglichst
viel zu sehen, um möglichst viel zu wissen.
Seit den Arbeiten von Voll und Kramer ist die Verbindung zwischen Zähnen und
dem übrigen Bereichen des menschlichen Körpers immer transparenter geworden.
Durch die Genialität von Jochen Gleditsch haben wir Zahnärzte mit der
Mundakupunktur gar ein eigenes Therapiesystem bekommen, welches effizient und
nachhaltig zeigt, wie aus der Mundhöhle heraus Einfluss genommen werden kann auf
die übrigen Teile des menschlichen Organismus.
Der Zahnarzt als Ganzheitsmediziner? Gerade in der heutigen Zeit, wo der Ruf
nach interdisziplinärer Zusammenarbeit immer lauter wird, sollten wir Zahnärzte
daran arbeiten, unsere Position ganzheitsmedizinisch zu stärken. Was liegt also
näher, als all das zu nutzen, was uns die Mundhöhle informativ zur Verfügung
stellt? Was liegt näher, als sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Zähnen und
Organen zu beschäftigen, die Mundakupunktur zu erlernen und praktisch anzuwenden
und dabei auch die Zungendiagnostik nicht zu vergessen?
In aller Kürze möchte ich im Folgenden beschreiben, welche Informationen wir
aus der Zunge herauslesen können, denn:
"Alles Sichtbare ist nur ein Gleichnis."
Goethe
Basis für die Gewinnung von Informationen aus Systemen, die wir als
Somatotopien - d.h. einer kartographischen Darstellung des ganzen Organismus auf
einen kleinen Teil der Körperober- oder -innenfläche - oder Hologrammen
bezeichnen, ist die universelle Gesetzmäßigkeit der Entsprechung, die Paracelsus
mit dem Axiom beschrieben hat:
Mikrokosmos-Makrokosmos
Das Ganze spiegelt sich wider im Kleinen. Somit ist das Kleine durch
Betrachtung oder Palpation diagnostisch zu nutzen, um Rückschlüsse auf das Ganze
zu ziehen. Denken wir etwa an Hand-, Nagel-, Antlitz-, Iris- oder für uns
Zahnärzte am naheliegensten die Zungendiagnostik. Aber das Kleine ist auch
therapeutisch zu nutzen, um das Ganze zu behandeln. Denken wir an die
Fußzonenreflexmassage, die reflektorischen Akupunktursysteme von Schädel, Ohr
und für uns Zahnärzte die Mundakupunktur.
Ein hilfreiches System ist die traditionelle chinesische Medizin (TCM), vor
allem mit ihrem Part der fünf Elementenlehre. Hier lassen sich ja bereits die
Zähne sehr sinnvoll integrieren mit ihren Bezügen zu den Funktionskreisen. Auch
die Zunge spiegelt diese Funktionskreise wider. Die Betrachtung der Zunge gibt
deutlich sichtbare Hinweise auf die Disharmonie des Patienten. Die
Zungendiagnose ist bemerkenswert verlässlich; wann immer bei komplizierten
Zuständen widersprüchliche Manifestationen der Störung bestehen, zeigt die Zunge
beinahe immer das zugrunde liegende Basismuster. Für diese Art der Diagnostik
benötigen wir keine äußeren Hilfsmittel, lediglich unsere Augen und die
Bereitschaft das Sehen zu lernen.
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Die Topographie des Zungenkörpers
Wollen wir die Zungendiagnostik bis in alle Einzelheiten erlernen, ist es ein
langer zeitaufwendiger Weg. Relativ leicht und schnell erlernbar aber ist es,
den ersten Eindruck deuten zu lernen, den uns die Zunge vermittelt, wenn der
Patient sie uns herausstreckt. Dazu ist es nötig, dass wir um die Topographie
wissen, das heißt: Wo spiegeln sich auf der Zunge die fünf Funktionskreise?
An den Rändern finden wir Leber und Gallenblase. Das vordere Drittel zeigt an
der Spitze das Herz und daran dorsal anschließend das Areal der Lunge. Im
mittleren Drittel spiegeln sich Magen und Milz und im hinteren Drittel ventral
die Blase, dorsal die Niere und in den seitlichen Arealen rechts Dünndarm und
links Dickdarm. Veränderungen in diesen Arealen lassen sich über das folgende
Raster katalogisieren, wobei anzumerken ist, das die gewählte Sprache der
TCM-Diagnostik anfangs etwas fremd anmuten kann.
| Die Betrachtung der Zunge basiert auf
vier Hauptpunkten: |
Farbe des Zungenkörpers, Form des
Zungenkörpers, Zungenbelag und Feuchtigkeit.
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| Farbe: |
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Sie zeigt uns den Zustand von Blut, Nähr-Qui und den
Yin-Organen. |
| Form: |
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Sie weist auf den Zustand von Blut und Nähr-Qui hin. Darüber
hinaus hilft sie bei der Unterscheidung zwischen Fülle- und
Leere-Symptomen. |
| Belag: |
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Er repräsentiert den Zustand der Yang-Organe, vor allem des
Magens |
| Feuchtigkeit: |
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Sie zeigt uns den Zustand der Körperflüssigkeiten an.
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Farbe des Zungenkörpers
Die normale Farbe ist ein blasses Rot. Die Farbe des Zungenkörpers steht für
den Zustand von Blut, Nähr-Qi und den Yin-Organen. Es gibt fünf pathologische
Farben: blass, rot, dunkelrot, purpurfarben und blau.
Blass: Ein blasser Zungenkörper kommt bei Yang- oder
Blutmangel vor. Beim Yang-Mangel ist die Zunge meist auch etwas zu feucht und
geschwollen, weil das Yang-Qi die Flüssigkeiten nicht umwandeln und
transportieren kann. Bei Blut-Leere neigt die Zunge eher zu Trockenheit. Wenn
die Zungenränder besonders blass oder in schweren Fällen auch leicht
orangefarben sind, deutet das auf einen Leber-Blut-Mangel hin.
Rot: Unter "rot" verstehen wir eigentlich "zu rot".
Ein roter Zungenkörper spricht immer für Hitze. Wenn die Zunge noch dazu einen
Belag aufweist, ist es Fülle-Hitze, eine rote Zunge ohne Belag weist auf
Leere-Hitze hin.
Eine rote Zungenspitze, meist mit einer insgesamt roten Zunge, spricht für
Herz-Feuer oder Leere-Hitze des Herzens, abhängig vom Vorhandensein oder Fehlen
eines Belags. In schweren Fällen kann die Spitze auch leicht geschwollen sein
und rote Pünktchen aufweisen.
Rote Ränder kommen bei Leber-Feuer oder Gallenblasen-Hitze vor. In schweren
Fällen können sie auch geschwollen und mit roten Pünktchen versehen sein. Ein
rotes Zentrum finden wir bei Magen-Hitze.
Rote Zungen haben häufig rote Pünktchen oder Flecken. Hier handelt es sich um
erhabene Papillen, die immer für Hitze sprechen. Sind sie eher groß, so weisen
sie zusätzlich zur Hitze noch auf Blut-Stase hin.
Rote Pünktchen oder Flecken sehen wir häufig an der Spitze (Herz-Feuer), an
den Rändern (Leber-Feuer), an der Wurzel (Hitze im Unteren Erwärmer) und um das
Zentrum (Magen-Hitze).
Dunkelrot: Hier handelt es sich um einen dunkleren
Rotton, seine klinische Bedeutung ist die gleiche wie bei der roten Zunge, die
zugrunde liegende Störung ist allerdings schwerwiegender.
Purpurfarben: Die purpurne oder violette Farbe
spricht immer für Blut-Stase.
Es gibt zwei Arten dieser Farbe: rötlich-purpurfarben und
bläulich-purpurfarben.
Ein rötliches Violett spricht für Hitze und Blut-Stase und entwickelt sich
aus einer roten Zunge.
Ein bläuliches Violett kommt bei Kälte und Blut-Stase vor, es entwickelt sich
aus einer blassen Zunge.
Eine purpurne Farbe an den Seiten spricht für Leber-Blut-Stase, im Zentrum
für Blut-Stase im Magen.
Liegt die violette Farbe an den Zungenrändern, aber nur im mittleren Bereich,
und kommt eine Schwellung der Ränder hinzu, bei einer bläulich-violetten Farbe
des übrigen Zungenkörpers, so spricht das für Blut-Stase im Brustkorb.
Blau: Die Bedeutung einer blauen Zunge ist die
gleiche wie die bei bläulich-violetter Farbe, sie weist auf innere Kälte hin,
die zur Blut-Stase führt.
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Abb. 1: Beispiel für eine relativ normale
Zunge |
Form des Zungenkörpers
Sie gibt uns Hinweise zu Blut und Nähr-Qi und reflektiert den Fülle- oder
Leere-Charakter einer Störung.
Dünn: Ein dünner Zungenkörper spricht bei
gleichzeitiger Blässe für Blutmangel, bei gleichzeitiger Röte und fehlen eines
Belags für Yin-Mangel. In beiden Fällen handelt es sich um eine chronische
Störung.
Geschwollen: Eine geschwollene blasse Zunge kommt
bei Ansammlungen von Nässe vor, die durch einen Yang-Mangel entstehen. Ein
geschwollener und roter oder normalfarbener Zungenkörper weist uns auf die
Ansammlung von Nässe-Hitze hin.
Steif: Eine steife Zunge kommt üblicherweise bei
innerem Wind vor.
Schlaff: Eine schlaffe Zunge finden wir bei einem
Mangel an Körperflüssigkeiten.
Lang: Eine lange Zunge spricht für eine Neigung zu
Hitze, vor allem zu Hitze des Herzens.
Kurz: Eine kurze, gleichzeitig blasse und feuchte
Zunge kommt bei innerer Kälte, eine kurze, rote und belaglose Zunge bei extremem
Yin-Mangel vor.
Rissig: Risse sprechen entweder für Fülle-Hitze oder
für Yin-Mangel. Kurze horizontale Risse kommen bei Magen-Yin-Mangel vor, ein
langer, tiefer Riss in der Mittellinie, der bis zur Zungenspitze geht, zeigt
eine Tendenz zu Herz-Mustern.
Ein breiter, seichter Riss in der Mittellinie, der die Spitze nicht erreicht,
zeigt sich bei Magen-Yin-Mangel.
Kurze querverlaufende Risse an den Seiten im mittleren Drittel der Zunge
weisen auf chronischen Milz-Qi-Mangel hin.
Zitternd: Eine zitternde Zunge finden wir bei
Milz-Qi-Mangel.
Abweichend: Eine Abweichung nach einer Seite kommt
bei innerem Wind vor.
Zungenbelag
Der Zungenbelag repräsentiert den Zustand der Yang-Organe, vor allem des
Magens.
Eine normale Zunge hat einen dünnen weißen Belag.
Der Zungenbelag wird durch einen Rest unreiner Nässe gebildet, der nach der
Verdauung durch den Magen übrig bleibt und nach oben steigend die Zunge
erreicht. Ein dünner weißer Belag zeigt also, dass der Magen die Nahrung
ordnungsgemäß verdaut. Der Belag gibt uns einen Hinweis auf Gegenwart oder
Abwesenheit eines pathogenen Faktors und seiner Stärke.
Ein dicker Belag kommt immer vor, wenn ein pathogener Faktor vorhanden ist;
je dicker der Belag, desto mächtiger auch der pathogene Einfluss. Der pathogene
Faktor kann äußerer oder innerer Herkunft sein, etwa äußerer Wind, innere Nässe,
Kälte, Nahrungsstagnation, Schleim, Hitze, Feuer.
Das Fehlen eines Belages weist uns auf einen Magen-Yin-
und/oder Nieren-Yin-Mangel hin. Wenn die Zunge dazu noch homogen rot ist,
spricht alles für einen Nieren-Yin-Mangel.
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Abb. 2: Zunge mit Delle am Grund (Niere), zentraler Längsriss bis
in die Spitze (Magen- und Herz-Muster), leichte Zahneindrücke (Milz),
leichter gelber Belag (Hitze-Symptomatik)
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Folgende Farben kann ein pathologischer Zungenbelag haben:
weiß, gelb, grau, schwarz.
Weißer Belag: kommt bei Kälte-Mustern vor -
ausgenommen natürlich der dünne weiße Belag, der dem Normalzustand entspricht.
Gelber Belag: spricht für Fülle-Hitze-Muster.
Grauer und schwarzer Belag: können entweder extreme
Kälte oder extreme Hitze anzeigen, abhängig davon, ob die Zunge feucht oder
trocken ist.
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Abb. 3: Zunge als Spiegel verschiedener Disharmoniemuster:
Aufgeworfene rissige Ränder (Leber und Gallenblase), Zahneindrücke (Milz),
Delle am Zungengrund (Niere), fehlende Spitze mit leichtem Riss
(Herz) |
Feuchtigkeit
Das Ausmaß der Feuchtigkeit auf der Zunge spiegelt den Zustand der
Körperflüssigkeiten wider.
Wann immer die Zunge rot oder dunkelrot ist, sollte man die Feuchtigkeit
überprüfen, ob die Hitze bereits die Körpersäfte angegriffen hat.
Ist die Zunge zusätzlich zu dieser Farbe auch noch trocken, so bedeutet dies
den Beginn einer Schädigung der Körpersäfte durch Hitze.
Eine normale Zunge sollte ein klein wenig feucht sein, was uns zeigt, dass die Körperflüssigkeiten intakt sind und richtig
umgewandelt und transportiert werden.
Ist die Zunge zu feucht, so weist das darauf hin, dass das Yang-Qi die
Flüssigkeiten nicht transformiert und weiterbewegt und diese sich deshalb in
Form von Nässe ansammeln.
Ist die Zunge trocken, so denken wir entweder an Fülle-Hitze oder
Leere-Hitze, anhängig davon, ob die Zunge einen Belag aufweist oder nicht.
Ein klebriger, schleimiger Zungenbelag spricht für eine
Ansammlung von Nässe oder Schleim.
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Wenn es uns gelingt die Gesetzmäßigkeit der Entsprechung über das Medium der
TCM Stepp by Stepp in unseren zahnärztlichen Behandlungsalltag zu integrieren
und sei es nur zur Schulung des Blickes, kann dies zu einer enormen Erweiterung
unseres therapeutischen Bewusstseins führen und wir erleben mehr und mehr was
uns Goethe mit den abschließenden Worten zum Thema Ganzheitlichkeit
vermittelt:
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen, denn was innen, das ist außen. So
ergreifet ohne Säumnis heilig öffentlich Geheimnis.
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Kurse zur Zungendiagnostik auf Anfrage
Literatur beim Verfasser
Korrespondenzadresse:
Dr. med. dent. Bodo Wettingfeld
Schwester-Aicharda-Straße 22
59755 Arnsberg